What we say. What we normalize.

Über Körperbilder, Vorurteile und die Verantwortung einer Branche, die von Liebe spricht.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Paares in einer Küche des letzten Jahrhunderts: Eine Frau in Schürze rührt in einem Topf, ein Mann steht hinter ihr.

„Willst du vor deiner Hochzeit nicht noch ein bisschen abnehmen?“

„Aber wer von euch beiden ist denn dann die Braut?“

„Deine Haare sehen offen bestimmt viel schöner aus.“

„Das ist bei euch kulturell wahrscheinlich ganz anders, oder?“

Vier Sätze, die zunächst wenig miteinander zu tun haben. Und doch steckt in jedem eine Vorstellung davon, wie ein Mensch aussehen, lieben oder leben sollte. Manche dieser Bemerkungen sind offensichtlich übergriffig. Andere werden vermutlich ausgesprochen, ohne dass die Person darüber nachdenkt, was sie damit eigentlich vermittelt.

Mich beschäftigt das Thema Sprache und ihre Wirkung schon lange. In meiner Arbeit als Lehrerin habe ich erlebt, wie selbstverständlich Menschen aufgrund ihres Körpers, ihrer Herkunft, ihrer Kleidung oder ihrer sexuellen Orientierung bewertet werden. Nicht immer geschieht das offen oder mit einer eindeutig verletzenden Absicht. Manchmal reicht ein Blick, ein Lachen oder eine beiläufige Bemerkung, um jemandem das Gefühl zu geben, nicht richtig dazuzugehören.

Besonders eindrücklich sind für mich die Gespräche, die hinter solchen Situationen stehen. Wenn junge Menschen erzählen, dass sie sich für ihren Körper schämen, bestimmte Kleidung nicht mehr tragen oder ihre sexuelle Orientierung lieber für sich behalten. Wenn sie beginnen, sich selbst durch die Augen anderer zu betrachten. Und wenn sie irgendwann fragen, ob es eigentlich normal ist, dass andere so mit ihnen sprechen.

Solche Erfahrungen bleiben nicht auf Schulhöfe beschränkt. Die Menschen werden älter, aber die gesellschaftlichen Vorstellungen, die hinter vielen dieser Kommentare stehen, verschwinden nicht automatisch. Sie begegnen uns in Beziehungen, in Familien, am Arbeitsplatz und auch dort, wo wir eigentlich Liebe und Individualität feiern möchten.

The body we are expected to have.

Kaum ein Ereignis wird so intensiv mit dem eigenen Aussehen verbunden wie eine Hochzeit. Für viele Menschen beginnt mit der Verlobung nicht nur die Planung einer Feier, sondern auch eine Phase, in der der eigene Körper plötzlich zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit wird.

Es gibt Bridal Workouts, Wedding Diets, Countdown-Programme und unzählige Beiträge darüber, wie man rechtzeitig zur Hochzeit seine vermeintliche Bestform erreicht. Natürlich ist es nicht grundsätzlich problematisch, sich sportliche Ziele zu setzen oder etwas am eigenen Lebensstil verändern zu wollen. Problematisch wird es dort, wo suggeriert wird, dass der Körper, mit dem jemand verlobt ist, für die Hochzeit zunächst optimiert werden müsse.

Bemerkungen über Gewicht werden dabei häufig als Fürsorge verpackt. Vielleicht möchte jemand nur einen gut gemeinten Tipp geben. Vielleicht glaubt eine Freundin tatsächlich, dass ein bestimmtes Kleid mit ein paar Kilo weniger besser aussehen würde. Trotzdem bleibt die Botschaft dieselbe: So, wie du gerade bist, könntest du noch ein bisschen besser sein.

In der Schule habe ich erlebt, wie früh solche Vorstellungen beginnen. Jugendliche, die ihre Kleidung verändern, Mahlzeiten auslassen oder sich mit Körpern vergleichen, die sie täglich auf Social Media sehen. Und ich finde es bemerkenswert, wie nahtlos sich diese Mechanismen später in andere Lebensbereiche übertragen lassen.

Eine Hochzeit sollte kein Anlass sein, den eigenen Körper plötzlich als unfertiges Projekt zu betrachten. Trotzdem hat die Hochzeitsbranche mit ihrer Bildsprache und ihren Schönheitsidealen einen Anteil daran, welche Erwartungen entstehen.

Who gets to be beautiful?

Wenn wir über Schönheitsideale sprechen, geht es nicht ausschließlich um Gewicht. Auch Hautfarbe, Haarstruktur, Behinderungen und bestimmte körperliche Merkmale beeinflussen, wer in einer Gesellschaft als schön wahrgenommen wird.

In meiner Arbeit als Lehrerin habe ich beispielsweise erlebt, wie schnell Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu einer Art Stellvertretung für eine ganze Kultur gemacht werden. Sobald ein bestimmtes Land oder eine Region zur Sprache kommt, richten sich die Blicke wie selbstverständlich auf einzelne Schülerinnen oder Schüler. Als würde ihre Herkunft automatisch bedeuten, dass sie eine Erklärung liefern müssten.

Im Zusammenhang mit Hochzeiten begegnen uns ähnliche Mechanismen. Wenn beispielsweise bei einer Schwarzen Braut ungefragt darüber gesprochen wird, ob ihre natürlichen Haare zu einem klassischen Brautlook passen. Wenn bestimmte Hauttöne bei der Auswahl von Make-up-Produkten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Oder wenn kulturelle Traditionen ausschließlich als exotische Besonderheit betrachtet werden.

Es sind unterschiedliche Situationen, aber ihnen liegt eine ähnliche Vorstellung zugrunde: Manche Menschen gelten als selbstverständlicher Ausgangspunkt, andere werden als Abweichung davon wahrgenommen.

Dabei sollte professionelle Hochzeitsdienstleistung voraussetzen, dass unterschiedliche Hauttöne, Haarstrukturen, Körperformen und kulturelle Hintergründe keine außergewöhnlichen Herausforderungen darstellen, sondern Teil der Menschen sind, für die diese Branche arbeitet.

Love, sexuality and the questions we ask.

„Du bist doch queer. Bist du dann eigentlich in alle verliebt?“

Solche Fragen habe ich in der Schule tatsächlich erlebt. Sie entstehen häufig aus Unwissenheit, manchmal auch aus dem Wunsch heraus, jemanden bloßzustellen. In jedem Fall reduzieren sie eine Person auf einen Teil ihrer Identität und verlangen von ihr, etwas zu erklären, das bei anderen Menschen niemals hinterfragt würde.

Auch im Erwachsenenleben begegnen uns solche Vorstellungen. Gleichgeschlechtliche Paare werden gefragt, wer in ihrer Beziehung welche Rolle übernimmt. Menschen, die nicht in klassische Geschlechterbilder passen, müssen sich erklären. Und manche Beziehungen werden noch immer als etwas Besonderes behandelt, obwohl sie für die Menschen, die sie führen, zunächst einmal genau das sind: ihre Beziehung.

Seit 2017 können gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland heiraten. Rechtliche Gleichstellung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass gesellschaftliche Vorurteile verschwunden sind.

Gerade in der Hochzeitsbranche zeigt sich das auch in scheinbar kleinen Dingen. In Formularen, die ausschließlich nach Braut und Bräutigam fragen. In Gesprächen, in denen ungefragt eine heterosexuelle Beziehung vorausgesetzt wird. Oder in der Vorstellung, dass eine Hochzeit zwangsläufig bestimmte weibliche und männliche Rollen braucht.

Natürlich muss nicht jede Formulierung sofort als bewusste Diskriminierung verstanden werden. Aber Sprache zeigt, welche Lebensrealitäten wir als selbstverständlich betrachten. Und sie kann Menschen das Gefühl geben, mitgedacht zu werden oder eben nicht.

Masculinity, femininity and everything in between.

Auch die Erwartungen an Männer und Frauen verdienen in diesem Zusammenhang mehr Aufmerksamkeit.

Der Begriff Toxic Masculinity wird häufig missverstanden. Er bedeutet nicht, dass Männlichkeit grundsätzlich problematisch wäre. Gemeint sind bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit, die beispielsweise emotionale Zurückhaltung, Dominanz oder das ständige Bedürfnis nach Stärke fördern.

In der Schule wird das sichtbar, wenn Jungen keine Unsicherheit zeigen dürfen, ohne dafür verspottet zu werden. Wenn Gefühle als Schwäche gelten oder bestimmte Interessen als unmännlich abgewertet werden.

Solche Vorstellungen verschwinden nicht mit dem Erwachsenwerden. Auch bei Hochzeiten begegnen uns noch immer feste Erwartungen daran, wie sich Männer und Frauen verhalten sollten. Die Braut darf emotional sein, der Bräutigam soll möglichst souverän bleiben. Die Braut interessiert sich für die Gestaltung, der Bräutigam für die Technik oder die Getränke. Und wenn ein Mann sich intensiv mit seiner Hochzeit beschäftigt, wird das manchmal noch immer als ungewöhnlich kommentiert.

Genauso problematisch finde ich die Vorstellung, dass Frauen an ihrem Hochzeitstag vor allem schön auszusehen haben, während ihre Persönlichkeit oder ihre eigenen Wünsche dahinter zurücktreten.

Solche Rollenbilder mögen auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Aber sie begrenzen, wie Menschen sich zeigen dürfen, ohne dafür bewertet zu werden.

What social media teaches us to expect.

Instagram, TikTok und Pinterest sind wichtige Inspirationsquellen für Hochzeiten geworden. Gleichzeitig vermitteln sie bestimmte Vorstellungen davon, welche Körper, Beziehungen und Lebensentwürfe besonders sichtbar und erstrebenswert sind.

Die Hochzeitsbranche ist dabei keineswegs nur passive Beobachterin. Sie produziert einen großen Teil dieser Bilder selbst. Professionelle Shootings, sorgfältig ausgewählte Models, perfekt inszenierte Details und aufwendig bearbeitete Fotografien prägen das, was wir täglich als Hochzeitsinspiration sehen.

Natürlich ist es legitim, ästhetische Inhalte zu produzieren. Ich liebe selbst Editorial-Fotografie und durchdachte Gestaltungskonzepte. Trotzdem finde ich es wichtig, zwischen Inspiration und einem vermeintlichen Ideal zu unterscheiden.

Wenn bestimmte Körperformen, Hautfarben oder Beziehungskonstellationen deutlich häufiger gezeigt werden als andere, entsteht ein Bild davon, wer in dieser Branche selbstverständlich dazugehört.

Und dieses Bild beeinflusst nicht nur die Erwartungen an Hochzeiten. Es beeinflusst auch, wie Menschen sich selbst wahrnehmen.

Good intentions don't erase impact.

Einer der wichtigsten Gedanken aus meiner Arbeit als Lehrerin ist für mich die Unterscheidung zwischen Absicht und Wirkung.

Nicht jeder verletzende Kommentar wird mit der Absicht ausgesprochen, jemanden zu verletzen. Manche Menschen sind unsicher, manche haben bestimmte Vorstellungen nie hinterfragt und andere halten ihre Bemerkungen tatsächlich für Komplimente.

Trotzdem entscheidet nicht allein die Absicht darüber, welche Wirkung eine Aussage hat.

Wer wiederholt Kommentare über den eigenen Körper hört, beginnt möglicherweise irgendwann, diesen Körper anders wahrzunehmen. Wer ständig nach seiner Herkunft gefragt wird, bekommt vermittelt, nicht selbstverständlich dazuzugehören. Und wer seine Beziehung immer wieder erklären muss, erlebt eine Form von Aufmerksamkeit, die andere Menschen gar nicht kennen.

Das bedeutet nicht, dass wir aus Angst vor Fehlern aufhören sollten, miteinander zu sprechen. Im Gegenteil. Ich finde, wir brauchen mehr Gespräche, mehr ehrliche Fragen und mehr Bereitschaft, die Perspektive anderer Menschen zu verstehen.

Aber dazu gehört auch, Kritik annehmen zu können, ohne sich sofort auf die eigene gute Absicht zurückzuziehen.

What we choose to normalize.

Ich möchte mit diesem Artikel nicht behaupten, dass die Hochzeitsbranche grundsätzlich diskriminierend ist. Es gibt unglaublich viele Menschen, die bewusst inklusiv arbeiten, unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar machen und sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.

Gleichzeitig glaube ich, dass eine Branche, die so eng mit persönlichen Geschichten, Identität und Liebe verbunden ist, eine besondere Verantwortung trägt.

Wir entscheiden mit unserer Sprache, unseren Bildern und unserem Umgang mit Menschen darüber, was sichtbar wird. Welche Körper wir zeigen. Welche Beziehungen wir selbstverständlich ansprechen. Welche Fragen wir stellen und welche Annahmen wir lieber hinterfragen sollten.

Und wir entscheiden auch darüber, was wir unkommentiert stehen lassen.

Mich hat meine Arbeit als Lehrerin gelehrt, dass Ausgrenzung nicht immer laut sein muss, um Wirkung zu haben. Manchmal beginnt sie mit einem Blick, einer Bemerkung oder einer scheinbar harmlosen Frage. Und manchmal reicht es bereits, dass niemand widerspricht.

Genauso habe ich aber erlebt, dass Menschen bereit sind, dazuzulernen. Dass Gespräche Perspektiven verändern können und dass es einen Unterschied macht, wenn jemand aufmerksam zuhört oder eine verletzende Bemerkung nicht einfach stehen lässt.

Diese Haltung möchte ich auch in meine Arbeit als Wedding Plannerin mitnehmen.

Nicht, weil jede Hochzeit eine gesellschaftspolitische Botschaft transportieren muss. Sondern weil ich finde, dass Respekt und Offenheit keine Besonderheiten sein sollten, die man ausdrücklich hervorheben muss.

Was wir sagen, hat Wirkung. Was wir tolerieren, auch.

Und wenn wir in der Hochzeitsbranche von Liebe sprechen, sollten wir uns vielleicht etwas häufiger fragen, wie wir den Menschen begegnen, die sie leben.

Geschrieben von

Vivien Opoku

Wedding Planner & Founder of Vivien Opoku Weddings