The people we meet. The people we choose.

Über Zufall, Liebe und die Entscheidungen, die aus zwei unterschiedlichen Lebenswegen einen gemeinsamen machen.

Ein Paar sitzt Rücken an Rücken in einem blühenden Heidefeld und gibt sich gegenseitig Halt.

Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass zwei Menschen einander begegnen? Von Milliarden Menschen auf der Welt lernen wir im Laufe unseres Lebens nur einen winzigen Bruchteil persönlich kennen. Wir wachsen an unterschiedlichen Orten auf, besuchen verschiedene Schulen, verlieben uns, trennen uns, ziehen um und treffen Entscheidungen, deren Bedeutung wir häufig erst Jahre später verstehen. Und irgendwann begegnen wir einem Menschen, mit dem wir uns vorstellen können, unser Leben zu teilen.

Mich beschäftigt dieser Gedanke schon länger. Vor allem die Vorstellung, wie viele Dinge anders hätten laufen können. Ein anderer Studienort, ein Jobangebot, das man nicht angenommen hätte, ein Urlaub zu einem anderen Zeitpunkt oder eine Einladung, die man ausgeschlagen hätte. Vielleicht hätten sich zwei Menschen, die heute verheiratet sind, unter anderen Umständen niemals kennengelernt.

Es ist verlockend, darin eine Art Schicksal zu sehen. Gleichzeitig finde ich die wissenschaftliche Perspektive darauf mindestens genauso interessant. Denn während die Begegnung zweier Menschen tatsächlich von zahlreichen Umständen abhängt, ist die Entwicklung einer Beziehung keineswegs ausschließlich eine Frage des Zufalls.

The probability of meeting someone.

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich die Wahrscheinlichkeit, genau dem Menschen zu begegnen, mit dem man später eine Beziehung führt, kaum sinnvoll berechnen. Dafür müssten wir wissen, wie viele potenzielle Begegnungen überhaupt möglich gewesen wären und wie sich jede einzelne Entscheidung auf unseren weiteren Lebensweg ausgewirkt hätte.

Außerdem begegnen wir Menschen nicht zufällig aus der gesamten Weltbevölkerung. Unser soziales Umfeld, unser Wohnort, unsere Ausbildung, unsere Interessen und inzwischen auch digitale Plattformen beeinflussen erheblich, wen wir kennenlernen. In der Soziologie wird unter anderem untersucht, wie räumliche Nähe, gemeinsame Eigenschaften und soziale Netzwerke die Entstehung zwischenmenschlicher Beziehungen begünstigen.

Eine amerikanische Untersuchung der Stanford University zeigte beispielsweise, dass sich 2017 bereits rund 39 Prozent der befragten heterosexuellen Paare online kennengelernt hatten. 2009 waren es noch etwa 22 Prozent. Unsere Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen, verändern sich also mit den gesellschaftlichen und technischen Bedingungen, unter denen wir leben.

Trotzdem bleibt der Gedanke faszinierend, dass jede Beziehung eine ganz eigene Vorgeschichte hat. Zwei Menschen können jahrelang unabhängig voneinander leben, Erfahrungen sammeln und Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, dass sie irgendwann Teil derselben Geschichte sein werden.

Und vielleicht ist es genau diese Ungewissheit, die uns rückblickend so viel Bedeutung in einzelne Begegnungen legen lässt.

We become different people along the way.

Wenn wir einem Menschen begegnen, lernen wir nie nur die Person kennen, die unmittelbar vor uns steht. Wir begegnen auch einem Menschen, der bereits eine Geschichte mitbringt. Frühere Beziehungen, Freundschaften, Enttäuschungen, familiäre Erfahrungen und persönliche Entscheidungen beeinflussen, wie wir Nähe erleben, welche Erwartungen wir haben und was wir uns von einer Partnerschaft wünschen.

Ich finde den Gedanken interessant, dass wir einem Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt begegnen und uns möglicherweise zu einem anderen Zeitpunkt überhaupt nicht füreinander entschieden hätten. Nicht unbedingt, weil die Verbindung weniger besonders gewesen wäre, sondern weil wir selbst noch andere Menschen waren.

Persönliche Entwicklung endet allerdings nicht mit dem Beginn einer Beziehung. Wir verändern uns weiterhin, und unsere Partner tun es ebenfalls.

In der Beziehungspsychologie gibt es dazu ein Konzept, das als Michelangelo-Phänomen bezeichnet wird. Es beschreibt, wie Menschen durch die Wahrnehmung und Unterstützung ihres Partners darin bestärkt werden können, sich ihrem eigenen Idealbild anzunähern. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dieser Form der gegenseitigen Bestärkung, persönlicher Entwicklung und der Qualität einer Beziehung.

Besonders schön finde ich daran, dass eine Partnerschaft nicht voraussetzt, dass zwei Menschen bereits vollständig entwickelt sind, wenn sie einander kennenlernen. Im besten Fall schaffen sie eine Beziehung, in der beide weiterhin wachsen können.

Das bedeutet allerdings auch, Veränderungen zuzulassen. Die Person, in die man sich ursprünglich verliebt hat, wird nach zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr in jeder Hinsicht dieselbe sein. Und man selbst vermutlich auch nicht.

Ein Paar lacht gemeinsam in einer offenen Heidelandschaft im Gegenlicht.

Love is not the same as commitment.

Die Vorstellung, dass zwei Menschen füreinander bestimmt sind, lässt wenig Raum für die Frage, was nach dem Kennenlernen passiert. In romantischen Geschichten scheint die entscheidende Herausforderung häufig darin zu bestehen, zueinanderzufinden. Sobald das gelungen ist, gilt die gemeinsame Zukunft beinahe als selbstverständlich.

Im wirklichen Leben beginnt an diesem Punkt allerdings erst ein wesentlicher Teil einer Beziehung.

Die Psychologin Caryl Rusbult entwickelte bereits in den 1980er-Jahren das sogenannte Investment Model of Commitment. Es beschreibt, welche Faktoren mit der Verbindlichkeit innerhalb einer Beziehung zusammenhängen. Dazu gehören insbesondere die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, die wahrgenommene Attraktivität möglicher Alternativen und das, was Menschen bereits in ihre Beziehung investiert haben.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2019, die Daten von mehr als 50.000 Menschen auswertete, bestätigte diese Zusammenhänge. Die stärkste Verbindung bestand zwischen Beziehungszufriedenheit und Commitment.

Was ich daran interessant finde, ist die Unterscheidung zwischen dem Gefühl, jemanden zu lieben, und der Entscheidung, eine gemeinsame Beziehung langfristig gestalten zu wollen. Natürlich hängen diese Dinge zusammen. Trotzdem bedeutet eine starke emotionale Verbindung nicht automatisch, dass zwei Menschen dieselben Vorstellungen von ihrer Zukunft haben oder bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Commitment verstehe ich deshalb nicht als einmalige Entscheidung, die mit einem Eheversprechen abgeschlossen ist. Es ist vielmehr eine Haltung, die sich im Laufe einer Beziehung immer wieder in konkreten Entscheidungen zeigt.

Ein Paar küsst sich in einer offenen Landschaft, Schwarz-Weiß-Aufnahme.

The art of compromise.

Eine gemeinsame Zukunft entsteht zwangsläufig aus zwei individuellen Vorstellungen davon, wie das Leben aussehen soll. Wo möchte man wohnen? Welche beruflichen Ziele verfolgt man? Wie wichtig sind Familie, Freundschaften, Reisen oder persönliche Freiräume? Und was passiert, wenn sich diese Wünsche nicht miteinander vereinbaren lassen?

Kompromisse gehören zu jeder langfristigen Beziehung. Trotzdem finde ich, dass der Begriff manchmal einen etwas negativen Beigeschmack hat. Als würde man zwangsläufig etwas verlieren, sobald man sich auf die Bedürfnisse eines anderen Menschen einlässt.

Dabei kann ein Kompromiss auch Ausdruck einer bewussten Entscheidung sein. Die eigenen Wünsche bleiben wichtig, aber sie werden nicht mehr vollständig unabhängig von denen des Partners betrachtet.

Interessanterweise zeigt die Forschung, dass die Bereitschaft, für eine Beziehung etwas aufzugeben, nicht automatisch dasselbe bedeutet wie tatsächlich auf etwas zu verzichten.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020 untersuchte 82 Datensätze mit insgesamt mehr als 32.000 Teilnehmenden. Dabei zeigte sich, dass die Bereitschaft, für den Partner Opfer zu bringen, positiv mit dem persönlichen Wohlbefinden und der Beziehungsqualität zusammenhing. Die tatsächlichen Kosten solcher Opfer waren dagegen mit geringerem Wohlbefinden verbunden.

Das ist für mich eine wichtige Unterscheidung. Eine Beziehung funktioniert nicht zwangsläufig besser, je mehr jemand von sich selbst aufgibt. Entscheidend ist auch, ob Kompromisse freiwillig entstehen, ob sie als fair empfunden werden und ob beide Menschen mit ihren Bedürfnissen berücksichtigt werden.

Gerade deshalb bedeutet Commitment für mich nicht bedingungslose Selbstaufgabe. Es geht darum, Entscheidungen gemeinsam zu treffen und Lösungen zu finden, mit denen beide leben können. Manchmal wird das bedeuten, einen eigenen Wunsch zurückzustellen. Manchmal wird es bedeuten, die Wünsche des anderen zu hinterfragen oder gemeinsam einen völlig neuen Weg zu finden.

Eine Partnerschaft sollte schließlich nicht davon leben, dass einer sich dauerhaft anpasst, während der andere unverändert weitermacht.

Choosing each other, again and again.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich meine Vorstellung von Romantik im Laufe der Jahre verändert hat. Früher verbindet man Liebe häufig mit der Idee, den einen Menschen zu finden, bei dem plötzlich alles stimmt. Je länger ich mich mit Beziehungen beschäftige, desto interessanter finde ich allerdings die Frage, was zwei Menschen aus dieser Verbindung machen.

Denn auch eine gute Beziehung besteht nicht ausschließlich aus Übereinstimmung. Unterschiedliche Meinungen, veränderte Lebensumstände und schwierige Entscheidungen werden sich nicht vollständig vermeiden lassen.

Eine amerikanische Langzeitstudie mit mehr als 2.000 verheirateten Erwachsenen untersuchte, welche Bedeutung das Gefühl hat, vom eigenen Partner verstanden, wertgeschätzt und umsorgt zu werden. Die wahrgenommene Zugewandtheit des Partners sagte in der Untersuchung eine positive Entwicklung bestimmter Aspekte des psychologischen Wohlbefindens über einen Zeitraum von zehn Jahren voraus.

Für mich unterstreicht das, wie wichtig die Art ist, in der Menschen miteinander umgehen. Eine Beziehung entwickelt sich nicht allein dadurch weiter, dass zwei Menschen möglichst lange zusammenbleiben. Auch die Qualität ihrer Verbindung spielt eine Rolle.

Sich füreinander zu entscheiden bedeutet deshalb nicht, jeden Konflikt vermeiden zu müssen. Es bedeutet, sich mit der Perspektive des anderen auseinanderzusetzen, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und gemeinsam herauszufinden, wie eine Beziehung für beide Menschen funktionieren kann.

Natürlich gibt es auch Beziehungen, in denen eine Trennung die richtige Entscheidung ist. Nicht jede Verbindung muss dauerhaft bestehen, um wertvoll gewesen zu sein. Und Commitment darf niemals bedeuten, persönliche Grenzen oder die eigene Sicherheit aufzugeben.

Aber dort, wo gegenseitiger Respekt, Vertrauen und der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft vorhanden sind, kann die bewusste Entscheidung füreinander eine besondere Form von Beständigkeit schaffen.

What a wedding actually represents.

Vielleicht erklärt das auch, warum mich Hochzeiten so faszinieren. Nicht allein wegen der romantischen Vorstellung, dass zwei Menschen einander gefunden haben, sondern wegen der Entscheidung, die sie an diesem Tag treffen.

Wenn ein Paar heiratet, bringt jeder der beiden Menschen seine eigene Geschichte mit. Unterschiedliche Kindheiten, Freundschaften, Beziehungen, Entscheidungen und Erfahrungen, die lange vor der ersten Begegnung begonnen haben. Irgendwann haben sich diese beiden Lebenswege gekreuzt. Aus einem Kennenlernen wurde eine Beziehung, aus gemeinsamen Erfahrungen entwickelte sich Vertrauen und schließlich entstand der Wunsch, die Zukunft miteinander zu verbringen.

Eine Hochzeit gibt dieser Entscheidung einen sichtbaren Rahmen. Gleichzeitig kann sie natürlich nicht garantieren, dass das gemeinsame Leben immer so verlaufen wird, wie man es sich an diesem Tag vorstellt.

Vielleicht muss sie das aber auch gar nicht.

Ich finde die Vorstellung schön, dass zwei Menschen an ihrem Hochzeitstag nicht behaupten, bereits alle Antworten auf die kommenden Jahre zu kennen. Sie entscheiden sich vielmehr dafür, ihre Zukunft gemeinsam gestalten zu wollen, obwohl sie noch nicht wissen können, welche Veränderungen sie erwarten.

Und vielleicht liegt darin eine wesentlich realistischere und für mich auch schönere Vorstellung von Liebe als in der Idee, dass zwei Menschen von Anfang an füreinander bestimmt waren.

Dass wir einander begegnen, hängt von unzähligen Umständen ab. Dass wir eine Beziehung aufbauen, füreinander Verantwortung übernehmen, Kompromisse finden und gemeinsam wachsen, hängt dagegen auch von unseren Entscheidungen ab.

Wen wir kennenlernen, können wir nur begrenzt beeinflussen. Was wir aus einer Begegnung machen, liegt zumindest zum Teil in unserer Hand.

Und genau diesen Gedanken finde ich an der Entscheidung zu heiraten besonders bemerkenswert.

Wissenschaftliche Quellen & weiterführende Literatur

Die folgenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen bilden die Grundlage für die im Artikel angesprochenen Forschungsergebnisse.

  1. Rosenfeld, M. J., Thomas, R. J. & Hausen, S. (2019). Disintermediating your friends: How online dating in the United States displaces other ways of meeting. Proceedings of the National Academy of Sciences. https://doi.org/10.1073/pnas.1908630116
  2. Rivera, M. T., Soderstrom, S. B. & Uzzi, B. (2010). Dynamics of Dyads in Social Networks: Assortative, Relational, and Proximity Mechanisms. Annual Review of Sociology. https://doi.org/10.1146/annurev.soc.34.040507.134743
  3. Tran, P. et al. (2019). Commitment in relationships: An updated meta-analysis of the Investment Model. Personal Relationships. https://doi.org/10.1111/pere.12268
  4. Righetti, F. et al. (2020). The link between sacrifice and relational and personal well-being: A meta-analysis. Psychological Bulletin. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32673005/
  5. Rusbult, C. E., Finkel, E. J. & Kumashiro, M. (2009). The Michelangelo Phenomenon. Current Directions in Psychological Science. https://doi.org/10.1111/j.1467-8721.2009.01657.x
  6. Selçuk, E. et al. (2016). Does Partner Responsiveness Predict Hedonic and Eudaimonic Well-Being? A 10-Year Longitudinal Study. Journal of Marriage and Family. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28592909/

Geschrieben von

Vivien Opoku

Wedding Planner & Founder of Vivien Opoku Weddings